Der nächtliche Blick

Der nächtliche Blick in den unendlichen Raum lässt diesen, den Sternenhimmel also, wie eine Scheibe unbeweglich und zweidimensional erscheinen. Das scheint paradox, ist es aber nicht, denn unser Auge kann Räume dieser Ausdehnung nicht mehr als solche erkennen, während es die irdischen Haltepunkte wie etwa die Wände eines Zimmers ganz klar in ihren drei Ausdehnungen wahrnimmt, wohl wissend um ihre Dreidimensionalität. Raum mittels Illusion auf der Fläche erscheinen zu lassen, vermag die Fotografie lichttechnisch quasi automatisch. Aber für das Auge eines Bildners bleibt dieser Transfer immer wieder eine der interessantesten Aufgaben.

Noch bevor er sein Studium an der Universität der Künste begann, fand der junge Berliner Maler David Moses mit erstaunlich hohem Anspruch auf Genauigkeit dieses Thema für sich. Er fotografierte, collagierte, minimierte architektonische Innenräume. Offenbar erschienen sie ihm in ihrer geometrischen Klarheit für seine Untersuchungen geeigneter als etwa die augenscheinlich unbeherrschbare Weite einer Landschaft. Und sie inspirierten ihn, aus ihrer physischen Strenge mit Geraden, rechten Winkeln, klaren Flächen ins Unbestimmte und Vage, ins Atmosphärische zu gehen. Denn sie sind der Grund, vor dem etwas sein kann; bilden das Feste, das Bewegung sichtbar macht; sind schließlich der Rahmen, der einen Ausschnitt bestimmt, in dem etwas stattfindet. David Moses fand – so könnte man es nun sagen – mit seiner malerischen Erkundung des Raumes die Zeit, also Bewegung und Wandel. Indem er danach fragt, was mit den Flächen in räumlicher Perspektive passiere und beim Malen feststellt, dass etwas, was plausibel erscheint, auf dem Malgrund nicht funktioniert1, arbeitet er an einem Übergang, denn er will wahrgenommenen Raum auch in der Zweidimensionalität erscheinen lassen. Das Thema, soviel ist klar, ist bereits von andern erforscht, theoretisch und in der Praxis. Aber David Moses erkundet es selbst, so als stünde alles am Anfang. Für ihn, das Gewusste beiseite lassend, bedeutet dieses eigene Herangehen ein riesiges unüberschaubares Feld. Intensität und Genauigkeit gepaart mit Phantasie und Talent werden zu einem starken Motor und einer Gefahr zugleich. …es kommt etwas zusammen … David Moses meint die atmosphärische Anmutung seiner Bilder, aber es klingt, als meine er sein Arbeitsfeld, das ihn zwingt einen Focus zu setzen. Er bleibt bei seinem Thema, dem Innenraum. Doch der ist nicht mehr leer und oft auch nicht mehr architektonisch klar. Transformation heißt eine frühere Arbeit, der einzige Titel, der in David Moses’ OEvre zu finden ist. Vielleicht weil alle Werke diesen Titel tragen könnten, gab der Bildner ihnen keine Namen mehr. Seine Räume verwandeln sich, verlieren ihre konstruktive Deutlichkeit, werden zu Gehäusen für farbige „Nebel“, „Flüssigkeiten“, Schemen von Dingen oder Körpern und sind schließlich ganz davon überlagert. Es entsteht der Eindruck neuer Räume mit manchmal unendlich scheinenden Tiefen, die sich ausnehmen wie Standbilder sphärisch anmutender Bewegtheit. Ihr Ausschnitt wird bestimmt vom Bildformat, das wie ein Fenster den Blick hinein – oder hinaus? – lässt. Im Unterschied zum Sternenhimmel haben wir hier tatsächlich so etwas wie eine Scheibe, die uns aber glauben machen kann, ein Stück Unendlichkeit wirklich zu sehen.

© 3.10.2013 Anke Zeisler

1 dieses und die folgenden Zitate sind von David Moses aus einem Ateliergespräch vom 1.10.2013