GOT A RACE TO RUN
27.04.–15.06.2019

David Moses erkundet seit 2012 die Übertragbarkeit von bewegten Bildern in Malerei und Zeichnung. In der ausgestellten Serie Silly Symphonies überarbeitet er seit 2017 frühe Archivalien des Pop in Zeichnungen, bis ihr Ursprung – Filmstills der gleichnamigen Cartoon-Serie von Walt Disney aus den Jahren 1929-1939 – nur noch als Fetzen, Fratzen oder Spuren zu erkennen sind. Was den Künstler am Beginn dieses Prozesses interessiert, eine Szene, eine Stimmung oder eine mythologische Figur, entfernt sich wie eine abstrakte Erinnerung an das ikonische Kino-Bild. So entstehen Arbeiten, die ein Sehen anregen, das sich von den wahrgenommenen Gegenständen in Bewegung versetzen lässt und gleichzeitig einen Mythenpool aufruft, der in die angloamerikanische und europäische Kulturgeschichte zurückreicht.

Für 31MGM002M0106 bearbeitet David Moses Mother Goose Melodies [1931, Regie Burt Gillett], in dem Figuren des britischen Kinderlieds Old King Cole aus dem 18. Jahrhundert wiederauferstehen, die zum Amusement eines despotischen Herrschers auftreten. In David Moses Adaption erscheinen die vielfach kopierten Umrisse der Three Blind Mice in einem Wirbel der Linien, Flächen und Farben und erzeugen in der Szene eine Spur der Ohnmacht und des Unheimlichen.

34TFM004M0607 und 34TFM005M0506 setzen bei The Flying Mouse [1934, Regie David Hand| an, einem Ikarus-Sample, in dem der Traum vom Fliegen in eine identitätspolitische Abweisung alles Uneindeutigen führt: „You’re nothing but a nothing, a nothing, a nothing, you’re nothing at all“. Auch in diesem Setting unterliegt der grellen Oberfläche eine diffuse aber nicht weniger eindrückliche Bedrohung der Existenz.

35TGT003M0505, 35TGT004M0404 und 35TGT005M0707 überarbeiten Stills aus The Golden Touch [1935, Regie Walt Disney]. Der Cartoon greift die antike Sage des griechischen König Midas auf, dem seine Gier nach Gold zum Verhängnis wird. In drei unterschiedlichen Perspektiven überformen die Zeichnungen zentrale Elemente des Mythos, Midas Blick in den Spiegel (35TGT003M0505), sein goldproduzierender Brunnen (35TGT004M0404) und der Tod, der dem in seinem Reichtum verhungernden König ins Gesicht sieht (35TGT005M0707).

35TTATH003M0107 basiert auf The Tortoise and the Hare [1935, Regie Wilfred Jackson] und setzt den Wettlauf zwischen dem Hasen Max Hare und der Schildkröte Toby Tortoise in Szene. Wieder wird auf einen antiken Stoff Bezug genommen – Äsops Fabel Hase und Schildkröte. Moses Zeichnung kontrastiert die verzerrten Konturen der Schildkröte mit dem Umriss des siegessicheren Hasen und lässt Betrachtenden dabei viel Raum.

In Got a race to run setzt David Moses zu Anfang beschriebenes Vorhaben, Bewegung in die eigentlich bewegungslosen Medien der Malerei und der Zeichnung zu überführen, mit den oben beschriebenen und weiteren Zitaten aus den 1930er Jahren ein. Disneys Figuren erscheinen mal als Flimmern im Augenwinkel, mal im Fokus scharf gestellt. Der Künstler fängt basierend auf ihnen Augenblicke ein, die das Dargestellte verdichten und vervielfältigen, es aber auch verfremden und ihm Bedeutung entziehen. Dieses Verfahren knüpft an eine beschleunigte Gegenwartserfahrung an, ein atemloses Auf- und Abtauchen der Phänomene oder eine flirrende Fahrt, die vorwärts zieht, bis eine neue beginnt.